In den letzten Jahren habe ich über Mut geschrieben, über das Wurzeln schlagen, über gesellschaftliche Teilhabe und Verantwortung und über die Frage nach meiner Identität. Und im vergangenen Jahr, nach 25 Jahren in Deutschland und mit der deutschen Staatsangehörigkeit endlich in der Hand, über etwas, das für mich eigentlich längst Realität war: Ich bin peruano-deutsch.
Dieses Jahr war es anders.
Um meine 26 Jahre in Deutschland zu verstehen, musste ich zurück nach Peru – zurück zu meinen Wurzeln und gleichzeitig weitergehen.
Dieser Besuch war voller besonderer Momente.

Nach 16 Jahren bin ich nach Machu Picchu zurückgekehrt. Damals war meine Tochter gerade ein Jahr alt. Dieses Mal stand ich dort mit meiner Frau und unseren drei Kindern. Zu erleben, wie sie diesen besonderen Ort entdecken, seine Energie spüren und ein Stück ihrer eigenen Geschichte kennenlernen, hat mich tief bewegt.
Gleichzeitig durfte ich mit meinem Vater seinen 90. Geburtstag feiern – gemeinsam mit seinen Enkelkindern aus Deutschland. Generationen, Geschichten und Welten kamen zusammen.
Und dann feierten meine Eltern ihre Goldene Hochzeit: 50 gemeinsame Jahre. Mit Familie, Freunden, Geschichten und unzähligen Erinnerungen an ein gemeinsames Leben.
Plötzlich war alles gleichzeitig da: Vergangenheit und Gegenwart. Quechua-Kultur und Kolonialgeschichte. Peru und Deutschland. Eltern, Kinder und Enkelkinder. Diejenigen, die geblieben sind, und diejenigen, die gegangen sind.
Die Widersprüche aushalten
Jedes Mal, wenn ich in Peru bin, versuche ich genau hinzuschauen.
Ich habe ein wunderschönes Peru erlebt. Voller Energie, Herzlichkeit, Geschichte und unglaublicher Landschaften.
Und gleichzeitig ein Land voller Widersprüche.
Extremer Reichtum und unerträgliche Armut manchmal nur wenige Zentimeter voneinander entfernt. Menschen, die in vollkommen unterschiedlichen Realitäten leben und doch alle versuchen, ihren Platz in dieser Welt zu finden.
Und ich merke: Ambiguität auszuhalten bedeutet anzuerkennen, dass die Welt selten nur schwarz oder weiß ist.
Ich kann Peru lieben, mich für den Globalen Süden engagieren und gleichzeitig Ungerechtigkeit und Ungleichheit wahrnehmen und mich dazu positionieren.
Ich kann Deutschland als meine „Auch-Heimat“ verstehen, das Privileg würdigen, hier leben zu dürfen, und gleichzeitig gesellschaftliche Entwicklungen kritisch hinterfragen.
Ich kann dankbar für das Erreichte sein und trotzdem sehen, was noch fehlt. Ich kann stark sein und dennoch zweifeln. Ich kann hier zu Hause sein und dort auch.
Für mich ist es eine Form von Resilienz, mehrere Wahrheiten gleichzeitig aushalten zu können.
Die Suche nach meiner Identität bedeutet deshalb auch, nicht permanent entscheiden zu müssen, ob ich hier oder dort hingehöre, sondern zu verstehen, dass beides Teil von mir geworden ist.
Der andere Rafael
Und dann kam der 10. September 2026.
Durch einen Zufall stieg ich genau an diesem Tag, 26 Jahre später, wieder in ein Flugzeug Richtung Frankfurt.

Vor 26 Jahren war da ein junger Rafael, der allein in ein Flugzeug stieg und einer Zukunft entgegenflog, die er nicht kannte.
In den letzten Tagen meines Urlaubs habe ich ihn immer wieder neben mir gespürt, auch als ich nach 26 Jahren meine Schule besuchte. Diesen jungen Rafael, der nicht wusste, was ihn erwarten würde. Der Pläne und Vorstellungen hatte, von denen vieles ganz anders gekommen ist.
Diesmal stieg ich mit meiner Familie in das Flugzeug.

Und irgendwie war auch er dabei.
In Gedanken bin ich mit dem 20-jährigen Rafael durch das Gate gelaufen. Wir haben uns die Hand gegeben und sind ein Stück gemeinsam gegangen.
Wir haben uns angeschaut und mussten lachen.
Vielleicht haben wir auch ein bisschen geweint.
Denn keiner von uns beiden hätte damals gedacht, wo wir uns 26 Jahre später wieder begegnen würden.
„Schau mal, was aus uns daraus geworden ist.„
Vielleicht ging es nie nur um Deutschland
Während dieses Urlaubs ist mir noch etwas klar geworden.
Seit Jahren schreibe ich diese Texte und zähle meine Jahre in Deutschland. Dabei dokumentiere ich eigentlich etwas anderes:
wie ich Jahr für Jahr ein bisschen mehr herausfinde, wer ich bin.
Lange habe ich versucht, meine unterschiedlichen Welten zu verstehen und manchmal auch voneinander zu trennen.
Peru und Deutschland.
Beruf und Ehrenamt.
Familie und gesellschaftliches Engagement.
Herkunft und Zukunft.
Heute glaube ich immer weniger an diese Trennungen.
Ich bin eine Person. Mit unterschiedlichen Wurzeln, Erfahrungen, Rollen, Widersprüchen und Geschichten.
Die neuen Wurzeln haben die alten nicht ersetzt. Sie sind dazugekommen.
Vielleicht habe ich in Deutschland deshalb auch nicht einfach einen neuen Ort gefunden, an den ich gehöre.
Ich habe den Raum erweitert, zu dem ich gehöre.
Über den Wolken scheint immer die Sonne
Mit 20 habe ich diesen Satz, den ich damals von meinem Vater hörte, anders verstanden als heute.
Heute bedeutet er für mich nicht, Probleme schönzureden. Die Wolken sind real. Ungerechtigkeit ist real. Angst, Verlust, Zweifel und Fehler gehören zu unserem Leben.
Und trotzdem möchte ich weitergehen, auch wenn ich nicht immer weiß, wohin der Weg führt.
Dafür brauche ich die Verbindung zu mir selbst. Vertrauen. Werte. Menschen um mich herum. Und die Fähigkeit, mit den Widersprüchen des Lebens umzugehen, ohne sie einfach hinzunehmen.
Das möchte ich auch meinen Kindern weitergeben: nicht nach einem fertigen Lebensplan zu suchen, sondern mit Zuversicht den eigenen Weg zu gehen.
Wo gehöre ich hin?
Peruaner. Deutscher. Peruano-deutsch. Migrant. Vater. Sohn. Mensch zwischen verschiedenen Welten.

Ich muss diese Frage nicht mehr abschließend beantworten.
Vielleicht wird sie mich mein ganzes Leben begleiten.
Und das ist in Ordnung.
Wenn ich dem 20-jährigen Rafael heute etwas sagen könnte, wäre es vielleicht genau das: Vertrau dir.
Du musst heute noch nicht wissen, wo du einmal ankommen wirst.
Bleib neugierig. Lerne. Liebe. Mach Fehler. Bitte um Entschuldigung. Steh wieder auf. Verbinde dich mit Menschen. Bleib deinen Werten treu.
Und vor allem:
Steh auf und geh weiter.
Denn über den Wolken scheint immer die Sonne.
Und der Weg entsteht beim Gehen.